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Schulintegration – eine tolle Beschäftigung mit Höhen und Tiefen Vorlesen

01. Jul 2019

Wir suchen Schulbegleiter! Noch so ein wunderbarer Erfahrungsbericht! Bewerbungen bitte an: Katrin.soennecken@lebenshilfe-luedenscheid.de

Jahre Schulintegration – eine tolle Beschäftigung mit Höhen und Tiefen

Im Jahr 2014 habe ich mich bewusst dazu entschieden, mich bei der Lebenshilfe Lüdenscheid als Integrationshelfer zu bewerben. Zum einen kannte ich die Lebenshilfe schon in anderen Bereichen, zum anderen habe ich einen Job gesucht, der sich gut mit der Erziehung der eigenen Kinder vereinbaren lies (mittags Feierabend, in den Ferien keine Kämpfe um Ferienplätze etc).

So lernte ich im September 2014 „mein“ Integrationskind kennen. Ein kleiner fast 7-jähriger Erstklässler mit einer geistigen Behinderung. Man sagte mir, er sei auf dem Stand eines Dreijährigen. Er krabbelte durch die Klasse, weinte weil er die Türen nicht allein öffnen konnte, seine Selbstorganisation war nicht ausgebildet, er fand seinen Kleiderhaken nicht ohne Hilfe, er biss andere Kinder in den Pausen. Kurz und knapp: „Die Anforderungen des Unterrichts überstiegen seine Möglichkeiten bei weitem.“

Ich stellte mich, unerfahren wie ich war, dieser Herausforderung und habe es nie bereut. Ich wurde im Team der Grundschule sofort herzlich willkommen geheißen. Jeder stand mir helfend zur Seite. Mit der Klassenlehrerin entstand sehr schnell ein kollegial sehr positives Verhältnis, so dass die Zusammenarbeit gut funktionierte. In den ersten Wochen schafften wir es gemeinsam, dass der Junge nicht mehr krabbelte. Er saß auf dem Stuhl und versuchte mit seinen Möglichkeiten dem Unterricht zu folgen. Nach kurzer Zeit kannte er das Symbol seines Kleiderhakens. Auch das Öffnen einer Tür gelang ihm. Ihm wurde vorausgesagt, dass er vermutlich niemals lesen und schreiben lernen würde. Ich glaubte jedoch nicht daran, denn mit Geduld und Übung gelang es ihm, die Buchstaben ordentlich nachzuzeichnen. Nach einiger Zeit konnte er diese sogar benennen und ja, er lernte lesen. Also arbeiten wir geduldig weiter mit ihm. Die Klassenlehrerin verstand es, ihn immer genau dort abzuholen wo er stand, so dass ich das Gelernte mit ihm erweitern und festigen konnte. Es entstand ein großes Vertrauensverhältnis. Sowohl zu dem Jungen als auch zu dem Rest der Klasse. Ich war Teil dieser Klasse, so dass sogar die anderen Kinder zu mir kamen und um Hilfe baten.
Am Ende des Schuljahres, konnten wir mit Stolz sagen, dass der Junge im ersten Schuljahr viel mehr gelernt hatte als erwartet. Er biss niemanden mehr, wusste wo die Räume im Schulgebäude waren, lernte lesen und schreiben und hing seine Sachen selbständig an seinen Haken.

Natürlich gibt es neben den vielen positiven Dingen auch negative. In den verschiedenen Entwicklungsphasen kamen auch einige Rückschritte. Vor und nach den Ferien, konnte man mit dem Jungen kaum arbeiten, da er mit den Gedanken einfach überall war, aber nicht in der Schule. Die folgenden Jahre verliefen ähnlich, wie das erste Jahr. Der Junge lernte in ganz kleinen Schritten immer etwas dazu. Wurde mutiger. Traute sich einiges allein zu. Mathe wurde zu seinem Lieblingsfach. Natürlich wird er kein „Raketenwissenschaftler“ aber Zahlen waren für ihn doch deutlich einfacher zu verstehen als Buchstaben oder all die anderen „logischen“ Dinge. Auch zum Sport ging er immer sehr gerne. Im vierten Schuljahr hatten wir dann unsere Highlights. Wir fuhren zum Beispiel auf Klassenfahrt. Der Junge konnte und durfte mitfahren, da ich ihn begleitete, und durch das aufgebaute Vertrauen gab es überhaupt keine Probleme auf dieser Fahrt. Ich war unheimlich stolz, dass diese 5 Tage so gut funktioniert haben.

Außerdem studierte ich mit der ganzen Klasse, zum Abschied der Grundschulzeit, ein Gedicht für die Klassenlehrerin ein. Auch der Junge hatte seinen Part. Er musste eine kleine Textzeile auswendig lernen und diese in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula vortragen. Ich war so stolz zu sehen, wie er neben all den „normalen“ Kindern auf der Bühne stand und seinen Text aufsagte. Dann kam der Schritt auf die weiterführende Schule. Das Schulamt hatte entschieden, auf welcher Schule Platz war und wohin er nun gehen würde. Auch hier war man sehr froh darüber, dass ich als Integrationshelfer dabei war. Sie kannten zwar schon Inklusionskinder, die hatten aber kein Anrecht auf I-Helfer. Man nahm mich auch hier super im Team auf und war froh, dass ich da war. Dem Jungen fiel die Umstellung sehr schwer. Lauter neue Kinder, ein neues Gebäude, viele verschiedene neue Lehrer. Die Überforderung kehrte schnell ein und er war froh, dass ich ihm durch den Alltag half. Außerdem bekam ich zu Beginn des Schuljahres noch ein zweites Kind hinzu. Ein Mädchen. Ebenfalls mit geistiger Behinderung. Trotz gleichnamiger Behinderung waren die beiden sich in keinster Weise ähnlich. So war es auch für mich eine Herausforderung beiden gerecht zu werden.

Auf der weiterführenden Schule gestaltete sich die Inklusion ein bisschen schwieriger. Nicht alle Lehrer befürworteten dies. Die meisten jedoch waren sehr bemüht und interessiert, aber es fehlte einfach die Zeit sich intensiv mit den Inklusionskindern zu beschäftigen. Ich denke, dies hat auch nichts mit dem „wollen“ zu tun. Auf der weiterführenden Schule sind die Lehrer einfach ständig in anderen Klassen unterwegs und müssen für sämtliche Klassen Material vorbereiten. Oft fehlten da die Zeit und teilweise das Material um zu differenzieren. Umso wichtiger ist es für die Kinder, dass sie jemanden an der Seite haben, der IMMER ansprechbar und greifbar für sie ist. Mit Hilfe der Sonderpädagogin versuchte ich auch hier, die Kinder in kleinen Schritten voranzubringen. Der Schulstoff wird auf der weiterführenden Schule natürlich immer ungreifbarer, aber die Kinder lernen ständig dazu. Kognitiv und sozial. Wenn man dann am Ende des Schultages hört: „Du bist sooo lieb. Ich freue mich auf morgen.“, dann weiß man, dass sich die ganze Mühe lohnt. Man wird irgendwie in der Schule zur „Ersatzmama“.

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